Kohei Saito: Sytemsturz. Der Sieg der Natur über den Kapitalismus
Drei Anliegen verfolgt Kohei Saito: Er will Menschen, die mit linker Theorie bislang nichts am Hut hatten, aber angesichts der ökologischen Krisen und der allgemeinen Kaputtheit der Welt ins Grübeln kommen, die systemischen Ursachen des Desasters aufzeigen und Perspektiven eröffnen, wie es zu stoppen wäre. Er will zeigen, wo die Grenzen von Green New Deals liegen und welche Degrowth-Konzepte viel zu kapitalistisch angelegt sind, um die Wirtschaft auf Nachhaltigkeit umstellen zu können. Und schließlich fordert er uns dazu auf, mit Marx über Das Kapital hinaus zu denken.
Denn Marx hat sich in seinen letzten Jahren intensiv mit agrarischen und ökologischen Fragen beschäftigt. Welche »Verwüstung« die ausbeuterische, extraktionistische Natur der kapitalistischen Produktion in den Ökosystemen der Böden und Wälder anrichtet, war schon im 19. Jahrhundert zu sehen. Marx erkannte schließlich einen »unheilbaren Riß […] in dem Zusammenhang des gesellschaftlichen und natürlichen […] Stoffwechsels« und er änderte daraufhin sein Verständnis von Produktivkräften, Fortschritt, geschichtlicher Entwicklung und der Rolle, die Europa darin spielte. In manchen althergebrachten Formen von egalitär bewirtschaftetem Gemeineigentum in Russland und Asien sah er nunmehr eine mögliche Basis für den Sprung zu einer höheren Form »kollektiven Eigentums und der kollektiven Produktion«. In ihr würden »die Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller fließen« und gleichzeitig bewahrt werden. Darum ist für Saito Marx der Erfinder eines »Degrowth-Kommunismus«.
Neben den anderen politischen Zukunftsszenarien, die Saito aufzeigt, nimmt sich die Bewegung zum Degrowth-Kommunismus sehr freundlich aus – ein bunter, mit Beispielen behangener Strauß aus Solidarwirtschaft, Bürgerpartizipation, Fearless Cities, Betrieben in Selbstverwaltung, Care, Selbstbegrenzung, Abolition der Bullshit-Produktion und Rekommunalisierung all dessen, was der Kapitalismus zum Schlechten eingehegt bzw. privatisiert hat: Land, Energie, Nahrung, Wasser, Gesundheitsversorgung, Mobilität und Technologie. Von den steinigen, mit Widerständen gepflasterten Wegen dahin ist allerdings kaum die Rede. Obwohl sich Saito rhetorisch sehr bemüht, die Leser*innen bei der Hand zu nehmen, fehlt es Systemsturz an manchen Stellen an Erklärungen.
Aber statt dieses und jenes besser zu wissen, sollten wir uns angesichts all der Kipppunkte, an denen die Welt heute steht, darauf konzentrieren, es besser zu machen und jede Gelegenheit für gute PR für die gute Sache nutzen. Saitos Buch hat sich in Japan 500.000 Mal verkauft, das ist ja kein schlechter Aufschlag.