Ronya Othmann: Rückkehr nach Syrien
»Wir sollten jetzt fahren, sagte mein Vater kurz vor Weihnachten 2024: Wer weiß, was in ein paar Monaten sein wird und ob es dann noch möglich ist. Und als wir dann in Damaskus ankamen, sagte er: Vielleicht ist es das letzte Mal, dass wir hier sind.« Ronya Othmann und ihr Vater waren nicht die Einzigen, die nach dem Sturz der Assad-Diktatur sofort aufbrachen. Am Grenzübergang von Jordanien nach Syrien staut sich der Verkehr. Othmann kannte bis dahin nur das Heimatdorf ihres Vaters im Norden Syriens, jetzt bereist sie zum ersten Mal das ganze Land, aus dem ihr Vater 1980 geflohen war.
Eine Reisereportage ist eine Momentaufnahme eines Orts, einer Gesellschaft. Und der historische Moment in Syrien im Frühjahr 2025 ist einerseits geprägt von der Hoffnung auf Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit und andererseits bestimmt von der Angst, der arabische Nationalismus der Baathisten könnte durch den Islamismus ersetzt werden und Gewalt und Terror immer weitergehen. Die neuen Machthaber gehören HTS an, der Nachfolgeorganisation der Al-Nusrah-Front, des syrischen Ablegers von Al-Qaida. Es gibt keinerlei Anlass, ihnen zu vertrauen. Zwar waren es von HTS angeführte Milizen, die am 8. Dezember 2024 Damaskus einnahmen, aber sie repräsentieren lediglich einen Teil der Opposition gegen Assad. Der andere Teil will Freiheit und Gleichheit oder, wie es ein drusischer Politiker ausdrückt: »Wir wollen eine Kultur des Lebens, keine des Todes.«
Die Syrer sind sehr divers – politisch, ethnisch und religiös. Neben der sunnitischen arabischen Mehrheit leben in Syrien Ismailiten, Beduinen, Alawiten, Christen und noch zehn Juden in Damaskus (es waren einmal 15 000), außerdem Jesiden, Armenier, Palästinenser, Aramäer, Drusen, Kurden. Wenn Ronya Othmann und ihr Vater sich als jesidische Kurd:innen zu erkennen geben, wird ihnen oft herzliche Sympathie und Vertrauen entgegengebracht, es gibt so etwas wie eine Solidarität der Minderheiten. Manchmal aber verbergen sie vorsichtshalber, dass sie einer Minderheit angehören.
Die Situation in den verschiedenen Regionen ist sehr unterschiedlich. Die Kurden im Nordosten haben Institutionen der Selbstverwaltung geschaffen, einschließlich bewaffneter Einheiten. Sie waren es, die maßgeblich dazu beigetragen haben, das Kalifat des IS zu zerschlagen. Es gibt dort eine demokratische Kultur, Frauen tragen nicht nur Waffen, sondern auch Verantwortung in Politik und Verwaltung, es finden Veranstaltungen wie die Gedenkfeier zum Jahrestag des Genozids an den Armeniern in Qamischlo statt und niemand schaut die Othmanns schief an, wenn sie nach dem Weg zur Synagoge fragen.
Im starken Kontrast dazu steht die Küstenregion, in der vor allem Alawiten leben, eine schiitische Minderheit, der auch die Assad-Familie angehört. Viele Menschen dort sind verängstigt, stellen die Othmanns fest. Tatsächlich werden bald darauf, im März 2025, islamistische Milizen mindestens 1500 Alawiten massakrieren. Es ist keine Rache an den Schergen des Assad-Regimes, Menschen werden wahllos angegriffen, egal ob sie Opfer oder Täter waren, allein weil sie der Minderheit angehören.
In Idlib, Hochburg und Basis der HTS, wehen schwarze Banner, die den IS, Saddam Hussein und die »Al-Aqsa-Flut«, also das Massaker vom 7. Oktober glorifizieren.
In Suwaida hingegen, wo vor allem die religiöse Minderheit der Drusen lebt, die wie die Kurden auf Selbstverteidigung und Selbstverwaltung setzen, erklärt ein Mitglied des politischen Rats: »Wir wollen nicht von einer Diktatur der Elite zu einer der Religion.« Ähnlich wie in der alawitischen Region wird es hier nach Othmanns Reise zu Massakern kommen. Im Juli 2025 werden mindestens 1000 Menschen ermordet, mindestens 560 Menschen sind vermisst und wahrscheinlich als Geiseln verschleppt. Auch in Deutschland hatten Islamisten öffentlich zum Mord an Drusen aufgerufen.
»Sechzig Jahre Diktatur, denke ich, vierzehn Jahre Krieg, islamistischer Terror und es ist noch nicht vorbei. Wo fängt man an zu erzählen, wo endet man?« Über die Schilderungen von Begegnungen und Orten erfährt man viel über die jüngere syrische Geschichte.
Othmanns politische Einordnungen sind knapp und prägnant. Es ist zu wünschen, dass sie nicht überhört werden in der deutschen Öffentlichkeit, wo böswillig die Abschiebung von Syrern gefordert wird und ignorante Diskussionen geführt werden über den Handschlag, den Al-Dscholani der deutschen Außenministerin verweigerte. Eine deutsche Journalistin kritisierte Baerbocks Outfit, einen weißen Hosenanzug: Sie hätte sich den »kulturellen Gegebenheiten« anpassen müssen. Othmann kommentiert: »Welche kulturellen Gegebenheiten, frage ich mich und denke an den Mann in Salamiya, dem ich versehentlich die Hand nicht gab, weil ich dachte, er käme noch ein Stück mit uns. Wie entrüstet er mich fragte, ob ich ihn für einen Muslimbruder halte.«