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Sophinette Becker: Leidenschaftlich analytisch. Texte zu Sexualität, Geschlecht und Psychoanalyse

Sophinette Becker (1950–2019) war Sexualwissenschaftlerin und psychoanalytische Therapeutin. Theoretisch und politisch beheimatet in Frankfurt am Main, leitete sie bis 2011 die dortige sexualmedizinische Ambulanz, die es heute leider ebensowenig mehr gibt wie das Institut für Sexualforschung. Becker hat viele Menschen therapeutisch begleitet, stets parteiisch im Sinne von: die soziale Umwelt nicht aus der Verantwortung lassend und zugleich unbedingt Distanz haltend in der Beziehung, um den Reflexions- und Wegfindungsprozess ihrer Klient*innen nicht zu gefährden.

Als Sexualwissenschaftlerin hat Sophinette Becker immer wieder fachliche Unklarheiten im Dunst gesellschaftlicher Reizthemen aufgespürt und ist ihnen nachgegangen. Ihre in dem Band Leidenschaftlich analytisch nun im Zusammenhang lesbaren Aufsätze aus den Jahren 1984 bis 2019 behandeln unter anderem die folgenden Fragen: War die Sexualmoral der Nazis bieder oder tabubrecherisch oder beides? Und wenn Letzteres, woher kommt das? Und wie wirkt sich diese Sexualmoral bis heute aus, in der Praxis der Psychoanalyse sowie gesellschaftlich? Wie entwickelt man ein Verständnis von Pädophilie diesseits von Dämonisierung und Verharmlosung? Was ist ein psychisches Trauma? Und wovon hängt es ab, ob eine Erfahrung traumatisch wirkt oder nicht? Was bleibt nach der Dekonstruktion von sex vom Geschlecht? Gibt es female perversions? Ist „bisexuelle Omnipotenz“ die neue „Leitkultur“?

Die letztgenannten Fragen betreffen offensichtlich hochstrittige Materie. Wenn Wissenschaft hier noch weiterhelfen kann, dann wohl eine, die sich nicht mit sex im Sinne der Biologie und ebensowenig im Sinne einer kulturellen Absonderung, sondern mit sex im Sinne des Sexuellen als solchem befasst. Wer sich fragt, was das denn ausmacht, das Sexuelle, findet bei Becker gute Einstiege in die Sexualwissenschaft. Allerdings ist diese alles andere als einheitlich und das männliche Schema auch hier keineswegs überwunden, wie Becker hervorhebt: „Immer noch existierende Symmetrisierungen und Parallelisierungen vernebeln die Sicht, weil sie die Sexualentwicklung der Frau nach wie vor analog zu der des Mannes betrachten.“ Doch es „spielt eine Rolle, ob sich unser Begehren und unsere Fantasien in einem weiblichen oder in einem männlichen Körper entwickeln“. Unsere Morphologie bedingt unterschiedliche Körpererfahrungen, Sensationen, Triebschicksale und Fantasien mit. Dass das nicht bedeutet, die psychosexuelle Entwicklung als determiniert durch anatomisches Schicksal zu betrachten, wird bei dem, was Becker an weiblichen Körpererfahrungen, Fantasien und Perversionen aus ihrer Praxis zusammenträgt, sehr deutlich. Jede psychosexuelle Entwicklung hat ihren „Eigensinn“, keine kommt ohne Verluste aus – mit diesen Voreinstellungen untersucht sie auch differenziert das Spektrum der Transsexualität.

Texte zu Sexualität, Geschlecht und Psychoanalyse, Beiträge zur Sexualforschung
Einband: kartoniertes Buch
EAN: 9783837931006
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Kategorie: Psychoanalyse