Upton Sinclair: Am Fließband
Die Leute halten ihn für einen Spinner. Aber davon lässt er sich nicht beirren und werkelt weiter in seiner Garage herum, bis er es endlich zum Fahren gebracht hat: das erste Automobil. Er gründet eine Fabrik, führt das Fließband in die Produktion ein und wird der mächtigste Tycoon der USA. Schließlich wurde sogar ein -ismus an seinen Namen gehängt, um so die für das 20. Jahrhundert kennzeichnende industrielle Produktionsweise zu benennen.
Ein Kapitalist ist nichts ohne Proletarier. In dieser Geschichte ist Ford der Herr, Abner Shutt sein Knecht. Schon als Kind schiebt er gemeinsam mit den anderen Nachbarjungen den liegen gebliebenen Prototyp des Fords an, wird Vorarbeiter und Ideengeber für die Fließbandproduktion. In der Krise wird er gefeuert, und, wenn die Konjunktur es erfordert, wieder eingestellt, freilich mit geringerem Lohn und höherer Taktzahl des vermaledeiten Fließbands. Aber davon lässt er sich fast gar nicht beirren und bleibt stets unsinnig stolz darauf für Ford zu arbeiten und seinem Herrn treu ergeben. Die firmeneigene »Abteilung für soziale Fürsorge« begleitet Shutts Niedergang mit Kontrollbesuchen und Ermahnungen, sich des Alkohols zu enthalten.
Auch Ford bleibt sich treu, sein Aufstieg zum reichsten Mann der Welt ändert nichts an seiner anmaßenden, ungehobelten Verschrobenheit. Er versucht sich in der Politik und chartert eine Flotille, die nach Europa segeln und Weltfrieden stiften soll, was scheitert. Der fanatische Judenhasser kauft und gründet Zeitungen, um teils selbst verfasste antisemitische Pamphlete zu veröffentlichen. Er unterstützt deutsche und amerikanische Nazis und stellt eine Privatarmee aus Preisboxern und Rechtsextremen auf, um die Arbeiter zu tyrannisieren und jeden Ansatz von gewerkschaftlicher Organisation brutal niederzuschlagen.
Upton Sinclair verwebt gekonnt die Lebensgeschichten des tüftelnden Fanatikers Henry Ford und des gutmütigen, von Armut und Entwürdigung schwer gezeichneten Abner Shutt mit der Erzählung der großen Geschichte des Industriekapitalismus und der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert. Upton Sinclair war Sozialist und engagierter, sozialkritischer Autor. Auch wenn es ihm vielleicht vorrangig um die Aufklärung seiner Leserschaft ging, ist ihm mit Am Fließband ein literarisches Kunstwerk gelungen. Was 1937 literarischer Enthüllungsjournalismus war, liest sich heute wie ein überraschend frischer historischer Roman.