Monique Wittig: Das straighte Denken

Endlich liegen die gesammelten theoretischen Texte der französischen lesbischen Literatin und Aktivistin Monique Wittig (1935–2003) auf Deutsch vor. Auch wenn die Texte vor rund 40 Jahren verfasst wurden, Das straighte Denken erscheint gerade rechtzeitig, um verfügbar zu sein für die in queer-feministischen Kreisen wiederkehrende Diskussion über die materiellen Dimensionen von Geschlecht und Geschlechterherrschaft. Der von Judith Butler geprägte Feminismus könnte hier noch mal einen radikalen turn machen, wenn er Wittigs »materialistischen Lesbianismus« in seiner ganzen Tragweite aufnimmt.

Wittigs Ansatz in aller Knappheit zusammengefasst: Heterosexualität umfasst nicht nur eine Anordnung von Körpern, Begehren und Identitäten, Heterosexualität ist vor allem anderen ein »soziales System«, »das auf der Unterdrückung und Aneignung von Frauen beruht«. Somit ist es die Gesellschaft selbst, die in spezifischer Weise heterosexuell organisiert ist. Die Aneignung von Frauen durch Männer erfolgt kollektiv und individuell, in der Sprache und in der Sexualität, symbolisch und mit Gewalt, und sie ist strukturell in der Trennung von Reproduktions- und Produktionssphäre angelegt: »Im Grunde ist die Reproduktion jene Arbeit, [...] durch die sich die Aneignung der gesamten weiblichen Arbeit durch Männer fortschreibt«. Folglich sind Frauen wie das Proletariat eine Klasse innerhalb einer Herrschaftsordnung. Wenn wir Frauen als Klasse denken, wird klar, dass es in unseren Kämpfen gleichzeitig um die Anerkennung und die Abschaffung dieser Klassenexistenz gehen muss. Lesben wiederum teilen nicht die soziale Position von Frauen, Wittig sieht in ihnen »Geflüchtete« ihrer Klasse. Wo Lesben präsent sind, hören Frauen auf, die scheinbar natürlichen Objekte von Männern zu sein, daher der besondere Hass auf Lesben. Daher aber auch die Klarheit der lesbischen Perspektive auf Männer-Herrschaft als gesellschaftliche Aneignung von Frauen.

Der titelgebende Aufsatz widmet sich dem Strukturalismus, den die Autorin polemisch das »straighte Denken« nennt: Linguistik, Anthropologie und die Psychoanalyse nach Lacan hätten das Geschlecht, indem sie es zur Urform der Differenz oder des Anderen erklärten, der Frage nach der Herrschaft entzogen. Was es dagegen braucht, so Wittig, ist eine »politische Semiologie« der Unterdrückten, die alle, sich immer wieder neu formierenden Geschlechtermythen angeht. Vierzig Jahre später, denke ich, hat die Kategorie der »Geschlechtsidentität« mythische Qualitäten angenommen: Sie scheint unhintergehbar und verstellt den strukturellen Gegensatz zwischen Aneignen und Angeeignet-Werden.

Wittigs Fundamentalkritik bringt feministische Theorie, Marxismus, Sprachtheorie und das Erfahrungswissen der Kämpfe zusammen, wobei sie Widersprüche nicht glättet, sondern als Kritik in alle Richtungen ausarbeitet.


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