Ulli Lust: Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte
Die österreichische Comiczeichnerin Ulli Lust rollt die Geschichte der Menschheit neu auf. Dass es in grauer Vorzeit anders zuging, als wir uns das lange vorgestellt haben und viele noch immer denken, zeigt sie auf ebenso kenntnisreiche wie kunstvolle und gewitzte Weise in Die Frau als Mensch.
Der erste Teil des auf zwei Bände angelegten Werks fängt bei den ersten Menschen an, wie sie in einer rauen Umwelt überlebten und sich weiterentwickelten. Verantwortlich dafür waren nicht, wie immer wieder lustvoll ausgemalt, keulenschwingende Männergruppen, die riesige Tierherden über Abgründe treiben. Sondern es waren zentral die Frauen und die menschlichen Fähigkeiten zur Empathie, zur Kommunikation, zur Kooperation. Diese Fähigkeiten, die heute noch immer als schwach und weiblich belegt sind, waren also eigentlich die Stärke der Spezies Mensch.
Stark im physischen Sinn waren aber auch viele steinzeitliche Frauen: Skelette mit Spuren von jagdtypisch ausgeprägter Schultermuskulatur (Speerwurf), die von der Archäologie lange Männern zugeordnet wurden, erwiesen sich im Zuge neuerer Untersuchungen als Überreste von Frauen. Ein weiterer Punkt, den Lust auch künstlerisch gekonnt in Szene setzt, ist die Verbreitung einer bestimmten Art von Frauenstatuetten in weiten Teilen der Welt, zu denen auch die so genannte Venus von Willendorf gehört. In frühgeschichtlichen Kulturen wurden Frauen offenbar hoch geschätzt: Steinzeitliche Menschendarstellungen zeigen zu rund 90 % Frauen, die meisten davon mit prominenten weiblichen Körpermerkmalen und in selbstbewusster Haltung.
Der Mensch ist also (auch) eine Frau. Oder wie Lust zusammenfasst: »Im Bilderschatz der Eiszeit repräsentiert die Frau die Kategorie Mensch.« Männliche Forscher woll(t)en das offenbar nicht wahrhaben. Ihren Karrieren hat das nicht geschadet, wie Lust dokumentiert: Hermann Parzinger, Prähistorischer Archäologe und von 2008 bis 2025 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu der u.a. die Staatsbibliothek und die Staatlichen Museen zu Berlin gehören, schrieb 2014 in seinem mittlerweile in 5. Auflage lieferbaren Buch über die Geschichte der Menschheit: »Frauen hatten in der Eiszeit die Rolle von Arbeitstieren.« Lust hat für ihr eigenes Buch viele Jahre lang recherchiert, Interviews geführt, Fachtagungen und Ausstellungen besucht, sich oft geärgert und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus Anthropologie, Archäologie und Kunstgeschichte zusammengetragen (mit Quellenangaben!). Nebenbei erzählt sie von der Geschichte dieser Disziplinen und von der Entstehung ihres Comics. Wohlverdient erhielt sie für Die Frau als Mensch – als erster Comic! – den Deutschen Sachbuchpreis 2025. Es ist außerdem schlicht ein schönes Buch: Die Comickünstlerin wählt die Farben bedacht und effektvoll, nutzt verschiedenste Seitenkompositionen und orchestriert geschickt, und häufig mit einer Prise Humor, die Informationsfülle. Im Rahmen ihrer großen Menschheitsgeschichte erzählt sie zahlreiche kleine Geschichten, die uns eintauchen lassen in das Sozialleben der frühen Menschen, ihre Überlebensstrategien, ihre Schwellenrituale. Und wir dürfen gespannt sein auf noch mehr solcher Geschichten, denn im Februar 2026 erscheint der abschließende zweite Band: Die Frau als Mensch. Schamaninnen.