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Suche konnte nicht ausgeführt werden. Bitte versuchen Sie es später erneut.Anselm Jappe: Beton
Massenkonstruktionswaffe des Kapitalismus
Der wohl älteste noch vorhandene Betonbau ist das Pantheon in Rom, aber die Haltbarkeit eines modernen Stahlbetonbaus beträgt nur wenige Jahrzehnte. Beton ist das Gegenteil von nachhaltig. Es ist für die nächste Zukunft mit einstürzenden Neubauten und gigantischen Mengen an Betonmüll zu rechnen, von dem im günstigsten Fall ein winziger Teil im Lowcycling etwa als Füllung für neue Straßenbauten verwendet werden kann. Extraktivismus: Dass die Hauptingredienz für Beton, der Sand am Meer (der aus der Wüste ist unbrauchbar), mittlerweile auch eine knappe Ressource geworden ist, spricht sich langsam herum. Es sind bereits ein Dutzend indonesischer Inseln zur Sandgewinnung abgebaggert und von diesem Planeten getilgt worden. Die Versiegelung des Bodens durch Beton führt zu Dürre und Überschwemmungen. Und schließlich macht Beton auch die Menschen krank, die ihn herstellen, verarbeiten und mit ihm leben müssen.
Strittiger als Jappes Ausführungen zur ökologischen Schädlichkeit dürfte seine ästhetische und soziale Kritik am Beton sein. In der Bildsprache der linken Alternativbewegungen der 1980er Jahre gab es die Risse im Beton, aus dem ein Pusteblümchen wächst, als Metapher für den sanften und gleichsam naturwüchsigen Widerstand gegen die Unwirtlichkeit der kapitalistischen Welt. Solch antimoderner Kitsch ist mittlerweile zu Recht verpönt. Heute betrachtet man die AvantgardeBewegungen des frühen 20. Jahrhunderts mit Nostalgie. Selbst der Brutalismus der Nachkriegszeit ist als Vintage ästhetisch verklärt. Dabei wird nicht bedacht, dass mit der avantgardistischen Urbanistik Gesellschaftsentwürfe formuliert wurden, die im Kern und in der Konsequenz unmenschlich sind. Tatsächlich kollaborierten Vertreter der modernen Architektur und Stadtplanung mit faschistischen Regimen, die prominentesten Beispiele sind die italienischen Futuristen und Le Corbusier, den Jappe ein »sinistres Individuum« nennt. Die Bauwerke des stalinistischen Totalitarismus und der kapitalistischen Demokratien sind auch nicht besser. Nach bald einem Jahrhundert, in dem rund um den Erdball Häuser, Hallen, Staudämme, Türme, Straßen und Brücken aus armiertem Beton errichtet wurden, hat sich gezeigt, dass das Leben dadurch gerade nicht leichter, sicherer, gesünder und schöner geworden und der billige Baustoff auch kein Mittel gegen Wohnungsnot ist. Im Gegenteil.
Jappes schwungvolle und gelehrte Verdammung des Beton ist eine sehr anregende Lektüre; dass es auch zu Widerspruch reizt, spricht für das Buch.