Cemile Sahin: Kommando Ajax

Ein Hochzeitssaal in Rotterdam, hohe Decken, ein karger, großzügiger Flur, die Wände mintgrün gestrichen. Zwei kleine Jungen in grauen Anzügen mit Westen, Kinderkrawatten und weißen Hemden, das Haar sorgfältig zur Seite gegelt, toben über den Marmorfliesenfußboden. Die hohen Fenster sind zugestellt mit Spielautomaten. An einem der Automaten sitzt Ali Ekber, der Onkel der Jungen. Im Saal wird Hochzeit gefeiert. Draußen geht ein Scharfschütze in Position, schießt, der Bräutigam ist tot.

Von hier aus entfaltet Sahin die Geschichte der Geschwister Korkmaz, fünf Brüdern und einer Schwester, die als Elektriker, Straßenbauer, Dachdecker, Maler & Lackierer, Betonbauer und Putzfrau arbeiten. Sie mussten ihr Dorf Mezra, das in Dêrsim liegt, verlassen, nachdem das türkische Militär es niedergebrannt hatte.

Es ist eine turbulente Geschichte von Exil, Verlust, Verrat und Rache. Ein Kunstraub, die Leidenschaft für Malerei, Spielsucht, Begeisterung für schicke Autos, dubiose »Geschäftsmänner« und ein kurdischer Fußballclub, der es mit Ajax Amsterdam aufnehmen soll, spielen in dieser bäuerlich-proletarischen Familiensaga eine Rolle. Es ist ein rasantes, ein tolles Buch!

Das Gute an Literatur ist ja, dass man machen kann, was man will. Und Cemile Sahin, 1990 in Wiesbaden geboren, bildende Künstlerin und Schriftstellerin, traut sich. Sie montiert Bilder in den Text, auf denen Ausschnitte aus alten Gemälden aussehen wie Videostills. Sie macht schnelle, harte Cuts im Stil eines Gangs- terfilms und spart nicht mit popkulturellen Reminiszenzen. Gleichzeitig hat man beim Lesen das Gefühl, in irgendeiner bäuerlichen Stube zu sitzen und gespannt den Erzählungen der alten Tante zu lauschen, die zugleich tragisch, manchmal elegisch und oft urkomisch sind.

 


Bibliographie