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Es wurden keine Artikel zu Ihren Suchkriterien gefunden.Jose Dalisay: Killing Time in a Warm Place
Ein Roman aus den Philippinen
Wer selbst schon einmal in China war, trägt eine originale Mao-Jacke mit abgeschnittenem Stehkragen und großen Taschen, in die Bücher und »Pillbox-Granaten«, kleine selbst gebaute Sprengsätze, passen. Dazu die Mütze mit dem roten Stern. Die anderen müssen mit übergroßen Parkas vorliebnehmen, eine Hinterlassenschaft der US-Army nach dem Vietnamkrieg. Auch Noel, der Ich-Erzähler, hat eine Jacke des imperialistischen Klassenfeindes und trägt sie bei Demonstrationen, in der Brusttasche eine Mao-Bibel (die dicke Tagalog-Ausgabe), »in der Hoffnung, dass an ihr die Kugeln wie bei einem Amulett abprallen würden«.
Politisches und Privates ist im Leben von Noel und seinen Mitbewohner:innen nicht getrennt, ihre Wohngemeinschaft nennen sie »Headquarter«. Hier essen sie ihr Essen zwischen den Schlachten und pflegen die Liebe achtlos, studieren Mao statt Mathe, proben für Agit-Prop-Theater, diskutieren die Widerspruchstheorie und die Einheit der Gegensätze. Die philippinischen Maoist:innen scheinen sich in Hinsicht auf soziale Zusammensetzung, Lifestyle und Mentalität nicht wesentlich von ihren Genoss:innen in der westlichen Welt unterschieden zu haben: Organisiert in Kaderparteien, fest entschlossen, das bürgerliche Leben hinter sich zu lassen und sich ganz »dem Kampf« zu widmen.
Aber die Revolution kommt nicht. Stattdessen ruft Präsident Ferdinand Marcos 1972 das Kriegsrecht aus, und zigtausend Menschen werden interniert. Wer nicht in Militärlagern verschwindet, geht in den Untergrund oder ins Exil oder aber arrangiert sich mit der Diktatur, die erst 1986 durch Massenproteste gestürzt wird. Manche erinnern sich vielleicht noch an die Berichterstattung über die exorbitante Schuhsammlung der First Lady Imelda Marcos, die ausgerechnet mit Mao Zedong und Fidel Castro auf ebenso gutem Fuß stand wie mit Gaddafi und dem Ehepaar Reagan.
Noels Weg vom Revolutionär zum Mitläufer führt ihn durch Slum, Gefängnis und Lager, kleinbürgerliche Suppenrestaurants und Kinos bis in die Zonen der Macht, wo man in Büros Befehle empfängt und erteilt, Limousinentüren öffnet und schließt und sich in glamourösen Bars die Kante gibt. Auf nur knapp 200 Seiten malt Dalisay ein lebendiges und facettenreiches Bild des Alltags unter der Marcos-Diktatur.
Dass der Autor dabei Autobiografisches verarbeitet, verhehlt er nicht. Er habe sich als Regierungsbeamter in den letzten Jahren der Diktatur selbst zu ihrem Komplizen gemacht, schreibt Jose Dalisay im Nachwort. Den Roman habe er kurz nach deren Sturz geschrieben, um zu erzählen, wie und warum Menschen in den Bann einer Diktatur geraten, und um seine Freude über den Erfolg der antiautoritären Massenbewegung mit der ganzen Welt zu teilen. Heute, Jahrzehnte später, verfolgt er bestürzt das globale Erstarken der Rechten: »Mein Roman sollte eigentlich von der Vergangenheit handeln. Warum ist er plötzlich wieder so aktuell?« Hochaktuell und obendrein ein feiner, lesenswerter Roman.