Karsten Krampitz: Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung

Edition Nautilus 2025 geb., 200 S., 22,00 € Eine rundum bemerkenswerte Geschichte von Eigenwille, Subversion und Verweigerung aus dem 80er-Jahre-Underground der DDR, heiter nachgedichtet und nachempfunden von seinem Spross Karsten Krampitz. Ein theologisch bewanderter Rollifahrer – im Buch heißt er Grunz, in Wirklichkeit Matthias Vernaldi – hatte es sich ausgedacht: Um an die Genüsse des Lebens jenseits der Anstaltsverwahrung zu kommen, trotzten er und ein paar Gefährt:innen der evangelischen Kirche der DDR ein altes Pfarrhaus im Thüringischen ab und richteten sich dort mit mageren Renten, Pflegegeld und pfiffig beschafften Zusatzeinkünften als ein Kollektiv ein, in dem alle versorgt waren, wenn die einen die Hilfstätigkeiten übernahmen, die andere benötigten. Das Projekt von Hartroda war die Gründung einer neuen »kommunistischen Urgemeinde«, die sich nach außen und auch gegenüber mildtätigen Christen aus dem Westen als Bruderschaft für alle Gotteskinder verkaufen ließ. Im Haus der »Roller« und »Latscher« kamen Hippies, Punks und Bluesrockmucker, Friedensbewegte und Dienstverweigerer zusammen. Manche plünderten den Kühlschrank und die Plattensammlung und verschwanden wieder. Andere, wie die Band Mischpoke, fanden in Hartroda ihre Homebase. Krampitz erzählt von unorthodoxen Gottesdiensten und wilden Friedenscamps, von Tourneen und Ausflügen nach West-Berlin, und von Alltagsbewältigung. Die freie Gemeinschaft hat viel möglich gemacht (was dem Argwohn der Stasi nicht verborgen bleiben konnte), das Gebrechen jedoch ließ sich dort nicht vergesellschaften: Für das selbstbestimmte Leben mit Behinderung blieb es eine schlechte Krücke, auf die freiwillige Hilfe einiger weniger anderer angewiesen zu sein. Mit der Wende war denn auch die Zeit der »Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung« abgelaufen, viele Dissident:innen verschwanden in den Westen. Matthias Vernaldi zog es nach Berlin, wo er als Aktivist der Krüppelbewegung noch sehr viel ins Rollen bringen würde.


Bibliographie