Olga Tokarczuk: E. E.

Bevor Olga Tokarczuk die Romane schrieb, für die sie mit dem Nobelpreis geehrt wurde, war sie Psychotherapeutin. Ihr Erstlingswerk, 2005 in Polen erschienen, vollzieht in gewisser Weise den Übergang von der Psychologie zur Literatur. Die diskreten Initialen zeigen es an: E. E. ist der Roman einer Fallanalyse.

Die fünfzehnjährige Erna Eltzner, Tochter einer bürgerlichen Familie in Breslau, erleidet Ohnmachtsanfälle, hört Stimmen und sieht Geister. Das macht sie zur Attraktion der Séancen, zu denen Ernas Mutter in ihrem Salon spirituell veranlagte Mitbürger:innen einlädt. Den Teilnehmenden der Tischgesellschaft widmet der Roman jeweils einzelne Kapitel. Zu ihnen gesellen sich der besorgte Arzt der Familie und ein junger Hirnforscher, der den Fall E. E. studieren wird. Wie ihre Hände auf dem Tisch, berühren sich die Geschichten und Wünsche der einzelnen Personen. Zum Phänomen der adoleszenten Tagträume haben alle unterschiedliche Theorien. So kommen auch die »Geistesdebatten« der Zeit – zu Beginn des 20. Jahrhunderts – auf den Tisch: der Irrationalismus und esoterische Energielehre, die medizinische Sucht nach stofflichen Ursachen und die Entdeckung des Unbewussten, das, wie der skeptische alte Arzt grübelt, vielleicht der Schlüssel zur Modediagnose der Hysterie sein könnte.

Die Geschichte von E. E. hat, das darf verraten werden, ein Happy End. Denn die traumwandlerische Erna wird von ziemlich genialen Zwillingsschwestern beschützt. Und die Psychoanalyse setzt sich durch gegen Pseudomächte und Pseudowissen.

Wem E. E. als Roman zu skizzenhaft bleibt, und wer sich von Tokarczuk noch tiefer in die Geister- und Geisteswelt nach 1900 entführen lassen will, denjenigen raten wir, ihren formvollendeten jüngsten Roman gleich im Anschluss zu lesen:

Olga Tokarczuk: Empusion. Eine natur(un)heilkundliche Schauergeschichte

In dem abgelegenen Lungenkurort Görbersdorf sind die verordneten Heilanwendungen 1913 so robust wie die Bewohner:innen des Örtchens. Wer auf einen freien Platz in dem berühmten Sanatorium wartet, quartiert sich vorübergehend im einzigen Gasthaus am Ort ein – und kommt nicht mehr davon los, auch nicht, als die Wirtin unter mysteriösen Umständen stirbt. War es wirklich Suizid? Überhaupt sterben erstaunlich viele Menschen, vor allem Männer, in Görbersdorf und keineswegs nur an Tuberkulose. Und was hat es mit den Zwangsstühlen auf sich, die offenbar gleich in mehreren Häusern des Ortes stehen? Niemand spricht über die unheimlichen Vorgänge – stattdessen wird in der allabendlichen Männerrunde im Gasthaus leidenschaftlich die »Frauenfrage« diskutiert. Kunstvoll baut Tokarczuk die Spannung auf und führt sie zu einem furiosen und verblüffenden Finale.

 


Bibliographie