Tijan Sila: Radio Sarajevo
Man liest dieses Buch leicht, schnell und gerne, obwohl es von etwas erzählt, was man sich eigentlich gar nicht vorstellen möchte: eine Kindheit im Krieg.
Tijan Sila war elf Jahre alt, als im April 1992 die ersten Bomben in den Wohnvierteln Sarajevos explodierten. Beim ersten Mal klettert er noch auf den Heizkörper, um besser aus dem Fenster sehen zu können. Aber sehr bald schon hat man sich daran gewöhnt, die geborstenen Fensterscheiben nicht mehr zu ersetzen. In den Wohnungen des Plattenbauviertels ist es genauso kalt wie draußen, denn Heizmaterial ist unerschwinglich. Man trägt Skianzüge und kann die Nudeln, die über die UN-Luftbrücke geliefert werden, nicht kochen. Wegen des andauernden Granatenbeschusses und der Heckenschützen, die wahllos auf alle schießen, auch auf Kinder, kann man nicht einmal draußen spielen. Trotz der katastrophalen Zustände machen die Kinder, was Kinder so machen: Sie pflegen innige Freundschaften, erleben Abenteuer, sorgen sich wegen der Schulnoten, bauen Scheiß und sind manchmal so niedlich und herzig, dass man ihnen einfach nur übers Haar streichen möchte.
Seine Kindheitserfahrung hat Sila zu einem bescheiden daherkommenden und trotz seines überschäumenden und zuweilen sarkastischen Humors stillen Roman verdichtet, zugleich eine zärtliche Hommage an die verlorene Heimat, die aus dem Plattenbauviertel und den Freunden bestand. Gegen die Gewalt, die auch ein Vierteljahrhundert später noch fortwirkt, hat sich Sila mit einer entwaffnenden Menschenfreundlichkeit gerüstet. Durch die Kinderperspektive wird dem Erzählen vom Krieg noch die letzte, auch uneingestandene Faszination für das vermeintlich Grandiose des Ausnahmezustands ausgetrieben. Radio Sarajevo ist radikal antipathetisch und ein Antikriegsroman auf der Höhe der Zeit.