Tillie Olsen: Ich steh hier und bügle
Bügelnd, betrunken, fiebernd, sterbend. Tillie Olsens Storys aus den 1950er Jahren handeln von gewöhnlichen Menschen in ebenso gewöhnlichen Zuständen der Entrückung, zwischen Tran und Trance. Rausch, Traum und Delirium erweitern das Erzählte und das Erzählbare, an ihnen bricht sich die Wirklichkeit und splittert auf. Olsen hat das Schreiben, ihr schmales, aber unglaublich kunstvolles Werk, wortwörtlich dem Leben abgerungen, einem Leben bestimmt von Geldmangel, Arbeit, politischer Aktivität, vielen geliebten Kindern und viel zu wenig Zeit.
In der ersten Story erinnert sich eine Mutter beim Bügeln an all die Umstände, die die Kindheit ihrer Tochter beschwert haben. Im Unterschied zu vertrauten elterlichen Litaneien tut sie es aber nicht im Modus des Selbstvorwurfs, sondern verteidigt ihr Kind: „Lasst sie in Ruhe. Alles, was in ihr stecken mag, wird also nicht erblühen. Aber bei wie vielen gelingt das schon?“
In Erzähl mir ein Rätsel entzweit sich ein Ehepaar auf seine späten Tage, weil er das Rentnerleben in einem Altenwohnprojekt genießen, sie aber ihre häusliche Einsamkeit gegen nichts anderes eintauschen will: „Nie wieder gezwungen sein, sich im Rhythmus der anderen zu bewegen“. Doch es soll der Frau nicht vergönnt sein. Ich kenne keine wahrhaftigere Erzählung über das, worüber man nicht spricht, über das Sterben.