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Es wurden keine Artikel zu Ihren Suchkriterien gefunden.Ulrich Becher: Das Herz des Hais
»In der patriachalisch-demokratischen Schweiz ist die blühende Frau ein Neutrum.« Diese Liebesgeschichte beginnt mit einem Hinweis auf das gegenderte Pronomen Es, und mit ihm endet sie auch: »Am besten du vergißt – Es«. »Es« ist Luise, genannt »das Lulubé«, Malerin von Beruf und verheiratet in Künstlerehe mit dem empfindsamen, blassen Angelus. Der Gatte verkörpert das Negativ von allem, was sie anzieht, denn Lulubé steht auf Faschingstrommeln, wilde Männer, Jagd und Stierkampf.
Zur Erholung und zum Malen reist das ungleiche Paar auf die Äolischen Inseln. Auf der »abgewrackten Sträflingsinsel« Lipari, auf der Mussolini politische Gegner und Kriegsgefangene entsorgte, kreuzt ein Mr. Crossman, seines Zeichens Archäologe, der nach Spuren seines Vaters scharrt, den Weg der beiden. Beim gemeinsamen Aperitif, während am Horizont der Stromboli spuckt und stinkt, bricht aus dem Archäologen die Verzweiflung über die Gewalt, die die Menschen in ihrer Geschichte angehäuft haben, heraus. Das Lulubé aber sieht nur den Mann und das Feuer und verliebt sich auf der Stelle. Mit einer Blödigkeit, die allen, die schon mal Hals über Kopf verliebt waren, vertraut vorkommen dürfte, wird sie ihrer Leidenschaft folgen. Sie wird Mr. Crossman begegnen, und sie werden sich verpassen. Ein Liebesdrama en miniature spult sich ab, in der das noch pochende Herz eines Hais, mit dem Kinder am Kai von Lipari Fußball spielen, eine Schlüsselrolle einnimmt.
Am Ende schwimmt Mr. Crossman davon, aber es wird sich mächtig was getan haben für Lulubé. Wo ein Es war, wird eine Sie.
Ulrich Becher schrieb diesen fabelhaften kleinen Roman Ende der 1950er Jahre. Die Insel Lipari ist darin weder touristisch entleerte Kulisse noch Metapher, sie ist selbst dramatis personae, bewohnte, geschundene Welt mit eigener Geschichte.
Das Reizvolle an Bechers Stil liegt darin, dass er überaus nüchtern und knapp wird, wenn es um Dinge geht, um die jede und jeder wissen sollte, während er sich vom wirklich Sonderbaren gerne zu ausschweifenden Albernheiten hinreißen lässt.
Über den Autor: »Ulrich Becher, geboren 1910 in Berlin, studierte Jura und war der einzige Meisterschüler von George Grosz.« Beides schien ihm keine verlockende Perspektive zu bieten, also fing er an zu schreiben. Sein 1932 erschienenes Debüt Männer machen Fehler wurde 1933 von Nationalsozialisten verbrannt. Murmeljagd heißt Bechers bekanntester, irrwitziger und hochkomischer Roman über die Zeit der Verfolgung und des Exils, der im Schweizer Engadin spielt. Zuletzt wurde Murmeljagd wie Das Herz des Hais von Schöffling neu aufgelegt und ist jetzt auch in einer kostengünstigen Diogenes-Ausgabe erhältlich.