Wang Xiaobo: Das goldene Zeitalter

Diese meisterhafte Satire über das Leben im China der Großen Proletarischen Kulturrevolution konnte erst einige Jahre nach Wang Xiaobos Tod (1997) in der Volksrepublik erscheinen. Bis heute ist das Buch dort ein Bestseller.

Der Icherzähler des Romans, Wang Er, ist ein »verdammter Intellektueller«, ein Schelm unter umgekehrten Vorzeichen: Er wehrt sich gegen Schikanen, indem er sich dümmer stellt, als er ist. Immer wieder schafft er es, mit blauen Flecken davonzukommen, in der Schule, der Studentenbrigade auf dem Land, der Industriekommune, und landet schließlich an einer Hochschule. Wang Ers Ambitionen sind vor allem sexueller Natur, sein »kleiner Mönch« möchte ein toller Hecht sein. Doch die Partei wacht auch über die Sexualmoral.

Maos Kulturrevolution installierte ein allgegenwärtiges System der Denunziation, Maßregelung und Bestrafung. Üble Nachrede im Billboard-Format, öffentliche Beschämung als Spektakel und kollektive Gewalt nährten und wurden genährt von einer perversen Lust daran, andere fertigzumachen.

Wang Er versucht die »verflossene Zeit« zu greifen, hängt seinen Erinnerungen nach – zum Beispiel an Professor Li, genannt Eichelhämatom, der verzweifelt versuchte, seinen Ruf wiederherzustellen, an den Selbstmord von Herrn He und den Tod eines vereinsamten Nachbarn. Er erinnert sich mit einer Arglosigkeit, die der Selbstzensur entgeht: »Mit einem mal wurde mir klar, dass der alte Mann zwar nervte und aus dem Mund roch, aber seinen Tod hatte ich nie ernsthaft gewollt.« Ähnlich unverblümt vertraut er uns seine Liebschaften an, in denen sich derbe Zoten und zärtliche Leidenschaft wunderbar verbinden. Kolossal gut!


Bibliographie