Details

ISBN/EAN: 978-3-608-98316-6
Einband: gebundenes Buch
Weitere Details
Originaltitel:
Heuvels van het paradijs
Übersetzer:
Bärbel Jänicke
Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
351 S.
Format (T/L/B):
3.5 x 22 x 14.5 cm

Hersteller:
Klett-Cotta J.G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
produktsicherheit@klett-cotta.de
Rotebühlstraße 77
DE 70178 Stuttgart


Weitere Details arrow_forward_ios

Mythos Geschlecht

Eine Weltgeschichte weiblicher Macht und Ohnmacht

26,00 €

Nicht lieferbar

Unser Tipp für Sie

„Nüwa, die erste Göttin, irrte durch die stille Welt, und die Stille erfüllte ihren Leib mit Einsamkeit. Nahe einer Quelle fand sie gelbe Erde, sie nahm ein wenig davon in ihre Hände und begann eine Kreatur zu schaffen, die ihr ähnlich sah. Als sie diese Kreatur an die Quelle stellte, fing die Kreatur an zu lachen. Nüwa genoss den Klang dieses Lachens und schuf noch eine, und noch eine und viele andere mehr.“
(frühe chinesische Mythologie)

„Prapati wurde schwanger und schuf Nachkommen aus seinem rechten Daumen, seiner Brustwarze und anderen Organen, ohne dass Mütter beteiligt waren.“
(hinduistische Mythologie)

„Christus hat Brüste, sonst würde er alle Pflichten und Aufgaben liebevoller Freundlichkeit entbehren.“
(Kirchenlehre im Hochmittelalter)

„Bei den Chaco-Indianern geht die Rede, dass die ersten Frauen ihr Essen mit Vaginalzähnen verzehrten.“

„Brüste, die Milch enthalten, enthalten keine Intelligenz.“
Der Satz könnte unter der Alma Mater vor jeder europäischen naturwissenschaftlichen Fakultät stehen, stammt aber aus der äthiopischen Oromo-Überlieferung.

Faszinierend, dieser Erfindungsreichtum! Wirklich phantasievoll, was mehrere tausend Jahre Mythenbildung über den Geschlechtsunterschied in der Darstellung von Frauen, Männern und (weiblichen) Körperteilen hervorgebracht haben. Mineke Schipper, Professorin für interkulturelle Literaturwissenschaft, führt uns nicht chronologisch, sondern topisch und reich bebildert durch den Fleischladen oder, je nachdem, das Pandämonium des Geschlechts: Hände, Münder, Rippen, Brüste, Vulven, Vaginen, Penisse, Gebärmütter, Samen, Milchflüsse, Blutströme und Schwangerschaften – von aufreizend oder monströs vergrößert bis verunglimpft, tabuisiert und unsichtbar. Und was diese Körperteile und Säfte alles können: Sie zeugen und verschlingen, ernähren und erbrechen, verführen und rauben.

Enorm kreativ, möchte man also meinen, wenn nicht so viele Geschichten mit ebenso erstaunlicher Einfalt dieselbe Wendung nehmen würden: Männer eignen sich Schöpfungsmacht an, indem sie Muttergöttinnen vom Thron jagen, Frauen unterwerfen und kastrieren, während sie sich selbst mit allem ausstatten, was es braucht, um als Erzeuger der Welt dazustehen. Auf allen Kontinenten, in allen Weltreligionen und vielfachen Um- und Überschreibungen finden sich solche mehr oder weniger grotesken oder grausamen Geschlechtermythen, die männliche Herrschaft begründen. Der eine kulturelle Ursprung männlicher Vormachtstellung lässt sich also nicht lokalisieren, umso erstaunlicher ist ihre große Verbreitung. Diesem Rätsel forscht Mineke Schipper nach, ohne, dies sei vorweggenommen, befriedigende Antworten zu finden. Einige Erklärungen hören sich nach altbackener Patriarchatskritik an, manches davon ist vielleicht zu schnell in der Mottenkiste des Feminismus verschwunden. Schippers Buch ist wichtig, weil es viele Anreize gibt, die Frage nach der Herkunft und der longue durée der Geschlechterherrschaft überhaupt wieder zu diskutieren.

Nur ein Beispiel: „Die meisten Ursprungserzählungen, in denen Genitalien eine Rolle spielen, handeln von der Angst der Männer vor den Frauen“. Eine mag das so lesen, dass die Machtaneignung das vorgängige Moment ist, dass Herrschaft Unabhängigkeit immer nur vortäuschen kann und sich in projektivem Hass und Angst gegen die wendet, die sie unterwirft. Oder es geht, eher praktisch betrachtet, um die Macht, die sich auf der Kontrolle der Fortpflanzung errichten lässt. Oder es spricht für einen Männlichkeitskomplex, einen mit Transzendenzproblemen aufgeladenen Gebärneid (Wo kommen wir her? Was bleibt von uns?).

Wie die alten Mythen bis in die Gegenwart weiter wirken, dass wir in „jahrhundertelang überlieferte Traditionen verstrickt (sind), die uns stärker mit unseren Vorfahren verbinden, als uns meistens bewusst ist“, könnte jedenfalls anschaulicher nicht werden.

Beschreibung

Seit jeher erzählen sich die Menschen Geschichten, über Götter, das Leben, den Ursprung der Welt und ihre Körper. Mineke Schipper zeigt, wie sich Mythen und Legenden, Kunst und Wissenschaftstraditionen auf den weiblichen Körper ausgewirkt haben und was sie über die Jahrtausende aus ihm gemacht haben. Ein ebenso aufschlussreicher wie unterhaltsamer Einblick in die Vorbedingungen der Gender-Debatte. globaler Einblick in die Ursprünge der Geschlechterverhältnisse der weibliche Körper in Wissenschaft, Religion, Kunst und Popkultur Schöpfungsmythen und Legenden Wir teilen die gleichen Körper und sind doch nicht gleich. Die Vormachtstellung des Mannes geht auf Kosten des weiblichen Körpers, der zugleich begehrt, gefürchtet und missbraucht wird. Mineke Schipper ergründet den Ursprung der Ungleichheit; der sexualisierte Körper der Frau wird dabei in einem spannungsreichen Gefüge von Macht, Ohnmacht und Gewalt verortet. Die Gebärmutter, die Vulva, Brüste und Brustwarzen sind Thema in unzähligen Mythen aus aller Welt ebenso wie den großen Weltreligionen, Kunst, Wissenschaft und Popkultur: von der jungfräulichen Empfängnis über magische Brüste bis hin zur allseits gefürchteten bezahnten Vagina. Das Erbe jener - meist männlichen - Erzählungen und Zuschreibungen, die auf die Kontrolle der weiblichen Sexualität abzielen, hat sich ebenso unmerklich wie unhinterfragt im kulturellen Gedächtnis verankert. Schipper untersucht diese erzählerische Tradition und zieht verblüffende Schlüsse für die modernen Geschlechterverhältnisse. Eine bisher nicht dagewesene globale Vernetzung faszinierender kulturgeschichtlicher Phänomene, die uns alle weltweit bis heute prägen und die Lebensrealität jedes Einzelnen bestimmen.

Über Mineke Schipper

Mineke Schipper ist Autorin und Wissenschaftlerin. Sie studierte französische Literatur, Philosophie und Komparatistik in Amsterdam und Utrecht. Nachdem sie in den 60er Jahren an der Universität Kongo gelehrt hatte, promovierte Schipper als erste Niederländerin über afrikanische Literatur. Sie war außerdem die erste Professorin für interkulturelle Literaturwissenschaft an den Universitäten Amsterdam und Leiden. Ihre Arbeiten über Oralität, Frauen in Sprichwörtern, Legenden und globale Schöpfungsmythen haben international Aufmerksamkeit erregt.