Details
ISBN/EAN: 978-3-593-50777-4
Einband: kartoniertes Buch
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Auflage:
1. Auflage 2018
1. Auflage 2018
Erschienen am:
10.07.2018
10.07.2018
Sprache:
Deutsch
Deutsch
Umfang:
250 S.
250 S.
Format (T/L/B):
1.6 x 21.5 x 14 cm
1.6 x 21.5 x 14 cm
Hersteller:
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG
info@campus.de
Werderstr. 10
DE 69469 Weinheim
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Elternschaft im Kapitalismus
Staatliche Einflussfaktoren auf die Arbeitsteilung junger Eltern, Politik der Geschlechterverhältnisse 57
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Über Lisa Yashodhara Haller
Lisa Yashodhara Haller, Dr. rer. pol., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Recht sozialer Dienstleistungen der Stiftung Universität Hildesheim.
Leseprobe
1 Einleitung 1.1 Elternschaft: Zwischen romantischen Visionen und kapitalistischer Realität Die Elternzeit gemeinsam auf einer kanarischen Insel verbringen, auf dem Spielplatz in der Sonne entspannt einen Latte macchiato trinken, leichte Joggingeinheiten mit dem Kind im sportlichen Buggy - Elternschaft ist etwas Schönes, das man sich gönnt! Doch die romantischen Visionen, mit denen Eltern nach wie vor ins Familienleben starten, zerplatzen regelmäßig wie Seifenblasen, die auf den harten Boden der kapitalistischen Realität fallen. Die Arbeitsteilung im Anschluss an die Familiengründung produziert Unzufriedenheit. Dies wird in den Medien, in Freundeskreisen und öffentlichen Auseinandersetzungen derzeit heftig diskutiert. Dabei entsteht der Eindruck, dass das Selbstverständnis, mit dem sich einst bei der Familiengründung an vorgefundenen Strukturen, Normen und Werten orientiert wurde, der Vergangenheit angehört. Die steigende Frauenerwerbsquote und die damit einhergehende Angleichung der weiblichen an die männliche Erwerbsbiografie verleihen den staatlichen Leistungsansprüchen und Dienstleistungen als Rahmenbedingungen für die Familiengründung eine nie dagewesene Prominenz. In diesem Zusammenhang genießen nicht zuletzt geschlechtliche Zuschreibungen innerhalb der elterlichen Arbeitsteilung große Aufmerksamkeit. Elternschaft ist zu einer zentralen Arena gleichstellungspolitischer Auseinandersetzungen avanciert. Dabei bleiben jedoch deren Einbettung in das kapitalistische Wirtschaftssystem sowie dessen wertförmige Ausrichtung erstaunlicherweise unberücksichtigt. Das verwundert umso mehr, als die aus der Wertlogik resultierenden Probleme und eine daraus folgende Überforderung von Eltern ständiger Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung und medialer Berichte sind. Grund genug der Frage nachzugehen, was diese viel diskutierte Überforderung und der mit der Familiengründung häufig einhergehende Rückzug auf eine geschlechtliche Arbeitsteilung eigentlich mit der wertformdominierten Ausrichtung unseres Wirtschaftssystems - dem Kapitalismus - zu tun haben und welche Funktion einer staatlichen Steuerung durch familienpolitische Leistungsansprüche wie beispielsweise dem Kindergeld, dem Elterngeld oder familienbedingten Steuerfreibeträgen dabei zukommt. An diesem Punkt setzt meine Studie an, indem sie die strukturierende Bedeutung sozial- und familienpolitischer Steuerungsinstrumente im Zusammenspiel mit den institutionellen Interventionen einer aktivierenden Arbeitsmarktpolitik in den Blick nimmt und nach den Deutungen fragt, die die darin eingebundenen Eltern bezüglich ihrer Leistungsansprüche vornehmen. Inwiefern gehen geschlechtliche Differenzierungsprozesse im Zuge der familialen Arbeitsteilung mit der für kapitalistische Wirtschaftsweisen notwendigen Abspaltung von Fürsorge einher? Und welche Funktion kommt dem Staat und seinen Steuerungsinstrumenten als vermittelnder Instanz zwischen der Wirtschaft und der familialen Arbeitsteilung zu? Da staatliche Steuerungsstrategien auf bestimmte Handlungsweisen zielen, ist entscheidend, wie die Leistungs- und Dienstleitungsansprüche von den Handelnden wahrgenommen werden. Erst durch das Verständnis und die Interpretation der adressierten Eltern werden diese wirkmächtig. Ob der Effekt eines Steuerungsinstrumentes mit der Funktionsabsicht des Gesetzes korrespondiert, ist also von dem Verständnis und der Interpretation der Adressierten abhängig. Auf welche Steuerungswirkung beziehen sich junge Eltern, wenn sie im Anschluss an die Familiengründung eine Arbeitsteilung arrangieren? Welche Bedeutung schreiben sie den Strategien zu und wie deuten sie deren Steuerungsabsicht? Im Zuge der Familiengründung stellen sich Paare meist das erste Mal die Frage, welcher Elternteil in welchem zeitlichen Umfang einer Erwerbstätigkeit nachgehen wird und wer wie viel Zeit in die Versorgung des Kindes investiert. Da mit der Geburt von Kindern Fürsorgeverpflichtungen entstehen, durch die die Arbeitskraft jenseits des Arbeitsmarktes gebunden wird, werden junge Eltern in besonderer Weise zum Steuerungsziel staatlicher Interventionen. Sozial- und familienpolitische Leistungsansprüche setzen Zeit zur Kindesfürsorge jenseits von Lohnarbeit frei. Dadurch entstehen Handlungsmöglichkeiten für die elterliche Arbeitsteilung. Für die Nutzung der eröffneten Handlungsmöglichkeiten ist die Interpretation der staatlichen Leistungen von zentraler Bedeutung. Eine solche Interpretation entsteht in der Paarbeziehung interaktiv - also indem sich das Paar auf eine Bedeutung verständigt - zum Beispiel, wenn Einigkeit darüber besteht, dass das Elterngeld als anteilige Lohnersatzleistung ausschließlich der Mutter zusteht, da das väterliche Einkommen als Familieneinkommen gilt. Deutlich wird hier, wie durch die interaktive Herstellung einer Deutung finanzielle Anreize und Dienstleistungen, aber auch Sanktionierungen eine gewisse Eigendynamik erhalten. Diese wirkt sich wiederum auf die Arrangements zu einer Arbeitsteilung zwischen den Eltern aus. Insofern entsteht die Arbeitsteilung als ein Resultat der Bedeutung, die die Eltern intersubjektiv herstellen. Die Bedeutungszuschreibung macht dann die familienpolitischen Leistungsansprüche als ein zentrales staatliches Instrument zur Steuerung innerfamilialer Arbeitsteilung wirkungsmächtig, strukturiert die elterliche Arbeitsteilung und konstruiert auf diese Weise Geschlechterdifferenz. Entsprechend den partnerschaftlichen Arrangements zur Arbeitsteilung sammeln Männer und Frauen bestimmte Tätigkeitserfahrungen im Erwerbsleben oder bei der Betreuung, Erziehung und Fürsorge des Kindes, durch die ihre Deutung der Geschlechterdifferenz bestätigt oder verändert wird. Verallgemeinert sich die geschlechtliche Zuschreibung einer Tätigkeit - weil Paare sich bei ihrer Arbeitsteilung gerne aufeinander beziehen und erprobte Konzepte anderer imitieren - wirkt sie nicht nur auf die eigene Beziehung zurück, sondern verselbstständigt sich auch als Wesenseigenschaft und wird zu einem strukturierenden Geschlechtsmerkmal. So gilt heute Fürsorglichkeit als eine weibliche Eigenschaft. Dieser Zuschreibung entsprechend sammeln Männer und Frauen im Alltag bestimmte Tätigkeitserfahrungen, durch die ihre Deutung der Geschlechterdifferenz und der damit einhergehenden Eigenschaften wiederum bestätigt oder verändert wird. Obgleich die Zuteilung von Tätigkeiten durch die Subjekte gemäß ihrer Vorstellung von geschlechtlicher Differenz vorgenommen wird, kommen ihre Vorstellung und Deutungen vor dem Hintergrund der dominierenden Wirtschaftsweise sowie ihrer sozial- und familienpolitischen Ausgestaltung zustande. Wirtschaft und ihre rechtlichen Rahmenbedingungen wirken also "nicht unabhängig von sozialen Prozessen, Interaktionen und den sich ergebenden sozialen Konstellationen" (Ostner?/?Schumann 2011: 293). Die Frage, welche Bedeutung den staatlichen Steuerungsinstrumenten für die Arbeitsteilung von Eltern im Zuge der Familiengründung zugeschrieben wird, stellt ein Forschungsdesiderat dar, das einzig durch die Untersuchung mehrerer Ebenen bearbeitet werden kann. Voraussetzend, dass Geschlechterdifferenzierungen maßgeblich auf der Ebene der Paarbeziehung und ihrer Arbeitsteilung entstehen, jedoch in ökonomische und wohlfahrtsstaatliche Rahmenbedingungen eingebettet sind, ist ein direkter Zusammenhang zwischen Mikro- und Makroebene nicht ohne Weiteres herzustellen. Die Schwierigkeiten, die mit einer Verknüpfung der beiden Ebenen einhergehen, scheinen insofern eine plausible Erklärung zu sein, weswegen die Bedeutungen, welche junge Eltern den familienpolitischen Leistungen zuschreiben, sowie die Umgangsweisen, welche aus den Beurteilungen resultieren, im Rahmen qualitativer Studien bislang kaum erforscht wurden. Der in bisherigen Wirkungsanalysen häufig angenommene Determinismus, nach dem sich die staatliche Steuerungsfunktion unmittelbar auf die Handlungen der Mütter und Väter auswirkt, greift zu kurz. Einschlägige Wirkungsanalysen haben di...