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Pawel Salzman: Erinnerungen an die Blockade. Mai 1941–Februar 1942

Pawel Salzmans Erinnerungen an die Blockade Leningrads beginnen mit der Schilderung eines Wohnungsputzes. Im Frühjahr 1941 lebt er mit seiner Frau Rosa, der neugeborenen Tochter Lotta und seinen Eltern in einer unkomfortablen, dunklen Souterrain-Wohnung. Mit dem Staubtuch geht Salzman über Möbel, Vasen, Skulpturen, eine Schamanentrommel – Erinnerungsstücke aus der Familiengeschichte und Souvenirs von seinen beruflichen Reisen als Filmausstatter. Er glättet die Teppiche, Vorhänge, Kissen und Tischdecken. Fünf helle Gläser für Bier gab es, sechs grüne für Wein. Es sind die Erinnerungen eines liebenden Mannes, der den Schauplatz eines glücklichen Familienlebens schildert, eines Künstlers, der sich mittels schöner Dinge mit der Welt verbindet. Schon im Sommer treffen Flüchtlinge aus Riga und Lwow in Leningrad ein, man hat von den Schrecken der Bombardierung Amsterdams gehört und bereitet sich auf die Verteidigung der Stadt vor, hebt Gräben aus. Salzman setzt seine kreativen Fertigkeiten nicht mehr für den Filmkulissenbau ein, sondern zur Tarnung des Gaswerks. Vergebens. Die deutschen Bombardements überziehen die Stadt mit Bränden und Schutt. Nicht nur die Infrastruktur wird zerstört, auch das gesellschaftliche und intellektuelle Leben.

Das Schlimmste ist der Hunger. Er entkräftet die Körper und das Denken. Er greift die Moral an und die Menschlichkeit. Ohne Hilfe zu verweigern, zu betrügen oder zu stehlen, ist es kaum möglich zu überleben. Salzman spart die Schilderung des Entsetzlichsten aus. Sein unheroischer Widerstand gegen die Vernichtung besteht darin, den Alltag so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Er insistiert darauf, dass sich die Familie auch dann noch zu den Mahlzeiten am Tisch versammelt, als es schon fast nichts mehr zu essen gibt. Widerstand heißt, die wässrige Suppe aus der Betriebskantine nach Hause zu bringen, ohne im Schnee zu stürzen. Gegen jede praktische Vernunft etwas Essbares gegen Christbaumschmuck zu tauschen. Widerstand heißt, die letzten geistigen Kräfte zu mobilisieren, um das Baby nicht draußen in der Kälte zu vergessen. Es heißt, der Hungeragonie nicht zu erliegen.

Zehn Monate überlebten Pawel, Rosa und Lotta Salzman, bis sie evakuiert wurden. Für seine geliebten Eltern war es zu spät. Die Blockade dauerte noch weitere achtzehn Monate, die Heeresgruppe Nord belagerte Leningrad vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944. 1,1 Millionen Menschen starben in der Stadt. Der massenhafte Tod von Zivilistinnen und Zivilisten war Ziel des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion, die systematische Aushungerung das Mittel. Dieses entsetzliche Kriegsverbrechen ist hierzulande kaum im Bewusstsein. Pawel Salzmans Erinnerungen sind ein kostbares Zeugnis aus dieser von Deutschen veranstalteten Hölle auf Erden.

Mai 1941-Februar 1942, Friedenauer Presse Wolffs Broschur
Einband: kartoniertes Buch
EAN: 9783751806237
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Kategorie: Geschichte