Fethi Benslama: Der Übermuslim. Was junge Menschen in die Radikalisierung treibt

Das Interesse an der Geschichte des Islam entsteht oft aus der Auseinandersetzung mit der Bedrohung durch den militanten Islamismus der Gegenwart. Der franco-tunesische Psychoanalytiker und Islamismus-Forscher Fethi Benslama arbeitet seit Jahren mit radikalisierten Jugendlichen in Paris, seine Analysen sind also von klinischer Erfahrung gesättigt und inspiriert. Für Benslama ist Psychoanalyse nicht nur Therapie. Die klinischen Erkenntnisse sind vor allem Anhaltspunkte, „um die kollektiven Kräfte der Gegenzivilisation im Herzen des zivilisierten Menschen und seiner Moral zu erforschen“.

Bei seiner Arbeit beobachtet Benslama Subjekte, die sich mit Selbstvorwürfen quälen, „nicht muslimisch genug“ zu sein. Angefeuert werden diese Selbstvorwürfe durch „Legionen medienwirksamer Prediger“. Der Begriff Übermuslim ist eine Anspielung auf das Freudsche „Über-Ich“, das nicht nur gute und nützliche Funktionen wie Selbstbeobachtung, Gewissen und Idealbildung erfüllt, sondern gelegentlich auch als innerer Tyrann das Subjekt regelrecht terrorisieren kann. Überzeugend wird die begriffliche Anspielung vor allem im Bezug auf Freuds Massenpsychologie, der zufolge Individuen, die eine Masse bilden, ihr individuelles Ich-Ideal durch ein kollektiv geteiltes Objekt ersetzen – mit den bekannten Folgen: Schwächung der intellektuellen Leistung, Ungehemmtheit der Affektivität, Neigung zum Überschreiten aller Grenzen, etc., kurzum: einer beängstigenden Regression der seelischen Tätigkeit. Das von hundert Jahren islamistischer Propaganda etablierte kollektive Selbst-Ideal des Übermuslims ist ein Effekt im Seelenleben, „der auf einer direkten Identifizierung mit dem Über-Ich der Gemeinschaft beruht“.

Benslama untersucht Elemente des militanten Islamismus und macht begreiflicher, wie sie bei den Einzelnen verfangen. Sei es die verstörende Faszination für den Tod, das genießerische Zurschaustellen der eigenen Grausamkeit oder die Obsession von einer vermeintlich idealen Vergangenheit. Fromme Demut pervertiert sich in eine Art „Mensch-Gott-Inzest“; der Theoszientismus, die Überzeugung, der Koran enthalte bereits alles wissenschaftliche und technische Wissen der Moderne, lässt sich bereits im frühen 19. Jahrhundert feststellen. Ein bizarres Beispiel von Misogynie islamistischer Ausprägung bietet der ägyptische Imam Abu Ishaq Al-Houeni, der erklärt, „dass der Kopf der Frau die Vulva ihrer Vagina sei“. Unerschrocken sucht Benslama nach dem verborgenen Sinn im Wahn und kommt zu dem durchaus einleuchtenden Schluss: „Die Weiblichkeit ist heterogen zur Gemeinschaft, sie ist der Ort ihres Abgrundes.“

Wo Gemeinschaft ist, möge Gesellschaft werden. Das ist die Hoffnung, die Benslama hegt, und Voraussetzung dafür, den Übermuslim zu überwinden. Ansätze dazu entdeckt Benslama in der tunesischen Gesellschaft nach dem Sturz der Ben-Ali-Diktatur.

Über Gewalt nachdenken heißt auch, über die Möglichkeiten der Gewaltfreiheit nachzudenken, und Benslamas Essay bietet eine Fülle von Anregungen dazu. Kleine Mängel in der Übersetzung machen die Lektüre nicht immer ganz einfach, doch sie lohnt sich auf alle Fälle.

 

Benslama, Fethi
MSB Matthes & Seitz Berlin
ISBN/EAN: 9783957573889
18,00 € (inkl. MwSt.)
Kategorie:
Psychoanalyse

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