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Explosive Modernity
Michael Adrian
13.01.2026
Deutsch
447 S.
2.6 x 19 x 11.9 cm
Suhrkamp Verlag GmbH
info@suhrkamp.de
Torstr. 44
DE 10119 Berlin
Explosive Moderne
Eine scharfsinnige Analyse unserer emotionsgeladenen Gegenwart
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Danach gefragt, was sie zu diesem Buch motiviert hat, sagte Eva Illouz in einem Interview, sie habe sich 2016 angesichts des Erfolgs des Trumpismus gewundert, wie Nationen von Selbstzerstörung fasziniert sein können. Weltweit werden Regierungen gewählt, deren Politik auf der Klaviatur von Furcht, Hass, Wut und Neid spielt. Offensichtlich können diese Leidenschaften den Verstand und vitale Interessen ausschalten. Zu den Ursachen der gesellschaftlichen Aufheizung, zu den Krisen, sozialen Verwerfungen, den diversen Unbehagen in der Kultur und im Kapitalismus ist viel geschrieben worden. Illouz’ Fokus richtet sich auf die gesellschaftlichen emotionalen Dynamiken als solche. Sie versucht nachzuvollziehen, wie sich soziale Gefühle formieren, wie sie politisch bearbeitet werden und wie sie sich durch die Moderne hindurch verändert haben.
Doch was ist das überhaupt, ein Gefühl also soziales Faktum? »Gefühle (sind) stilisierte Erfahrungen an der Nahtlinie zwischen dem Kollektiven und dem Persönlichen« – dies ist sicher keine erschöpfende Definition, aber sie lenkt weg vom gängigen psychologischen Verständnis, wonach Gefühle ihren Ursprung im Individuum haben, und hin zu einem reflexiven Erleben, das sich in stets besonderen kulturellen Resonanzräumen abspielt. Weil das begriffliche Instrumentarium der Soziologie hier nicht ausreicht, zieht Illouz mitunter Beispiele aus der griechischen Mythologie und modernen Literatur heran, um die öffentliche Dramaturgie von Scham und Schuld, Neid, Zorn und Mitgefühl aufzuzeigen. Nicht nur diese originär moralischen Gefühle, sondern auch Furcht oder Liebe, erst recht so komplexe Gefühle wie Hoffnung, Enttäuschung, Entfremdung und Nostalgie haben in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche kulturelle und politische Valenzen. Allen diesen sozialen Emotionen und der Politik, die mit ihnen betrieben wird, widmet Illouz in Explosive Moderne einzelne Kapitel.
Das Buch liefert weder ein neues Großnarrativ, noch folgt es einer erkennbaren einheitlichen Theorie oder Methode. Beim Lesen fragt man sich manchmal, ob das jetzt noch Wissenschaft oder eher anekdotisches Erzählen ist. Es ist dennoch ein überaus verdienstvolles Werk, weil es das politische Leben der Gefühle effektiv in den Vordergrund rückt. So werden die aversen gesellschaftlichen Erregungszustände und die irritierende Gleichzeitigkeit von moralischer Aufladung und Amoralität greifbar. Im Ergebnis wird auch deutlich: Es gibt nicht nur das eine Ressentiment, die projektive Feindseligkeit, die aus der Umlenkung nicht bewältigter Kränkung und Ohnmachtserfahrung entsteht, sondern eigentlich sind die meisten sozialen Gefühle Re-Sentiments in dem Sinne, dass sie ihren Grund in anderen Gefühlen haben. Der Populismus, den ein Trump verkörpert und ein Merz plagiiert, hat sich auf die manipulative Provokation und Neuverknüpfung von stilisierten Emotionen spezialisiert.