Unser Tipp für Sie
Gabriele Riedle erzählt von einer, die von Berufs wegen losgeschickt wird, durch Kriegs- und Elendsregionen in Afghanistan, Inguschetien, Liberia und anderswo zu stolpern, um dort die Begegnung mit dem krass Anderen zu suchen und das Gesehene und Gehörte alsdann so aufzubereiten, dass es den Daheimgebliebenen den doppelten Genuss von „Abenteuer & Aufklärung“ bereiten möge. Riedle berichtet von Dingen, die sie selbst erlebt hat, und eingangs fragt man sich vielleicht, warum sie das „Roman“ nennt. Von einer Reporterin wollen wir doch vor allem eines geliefert bekommen: unmittelbar befragte Realität, so authentisch und dicht dran am Geschehen, dass kein Zeitungsblatt dazwischen passt. „Sagen, was ist“, wie es „der Chefredakteur aller Chefredakteure an eine Art Felswand hatte schreiben lassen.“ Aber wie geht das? Mit ausschweifender Feder schreibt Riedle gegen die „recht erdbeben- und einbruchsicheren Gedankengebäude“ in den Zeitungsredaktionen an, die am Ende, egal von welcher Katastrophe zu berichten ist, doch immer das gleiche Wohlfühlprogramm anbieten: Helden, Kinder, Hoffnung. Riedle dagegen erzählt von händchenhaltenden Taliban beim Fotografen, den sie zum Dank verprügeln, von einem Prediger, der als Kindersoldat am liebsten Kinder opferte, und dergleichen mehr; von Begegnungen in verstörender Normalität, die ohne Moral und ohne Hoffnung auskommen müssen, über die schon mit dem „nichtssagenden Adjektiv interessant“ zu viel gesagt ist. Und immer wieder kehrt sie zurück zum einfach nur sinnlosen Tod eines Kollegen. Schreibend hangelt sich Gabriele Riedle an Abgründen entlang und was sie hält, sind nur die Fäden des Weltgeschehens selbst, die sich auftrennen, kreuzen, ineinander verschlingen, zu Geschichte werden und an kein Ende kommen, so wie ihre Sätze, die über Seiten gehen, ohne dass die Leserin den Faden verliert.
Beschreibung
Als schreibende Reporterin war die Erzählerin auf allen Kontinenten der Erde unterwegs. In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. Nun verabschiedet sie sich von einer Welt, die einmal die eigene war. Aus dem Radio erfährt Gabriele Riedles Erzählerin vom gewaltsamen Tod des berühmten britischen Kriegsfotografen Tim H. in Libyen. Nicht lange zuvor war sie mit ihm als schreibende Reporterin unterwegs im Bürgerkriegsland Liberia. Anlass für sie, von ihm zu erzählen, von seinem Leben und von seinem Sterben, aber auch von ihren eigenen Erfahrungen in allen möglichen Winkeln der Erde, in Afghanistan und im Dschungel von Papua-Neuguinea, im Inneren der Mongolei und im Kaukasus, von den Höhen des Himalaya und der Reise nach Liberia. In ihre Erzählung fließen die Bilder und Beschreibungen der Welt, die die internationalen Berichterstatter den Medienhäusern in Hamburg und in Manhattan liefern - diejenigen, die unsere globale Gegenwart deuten. Ihre Berichterstattung in Bildern und Texten unterliegt ästhetischen und ökonomischen Zwängen, die vom Zustand der Welt und der Krise der westlichen Zivilisation künden. Gabriele Riedle hat selbst über 20 Jahre Erfahrung als Reporterin. In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. Ist jedoch originäre Prosa, eine kunstvolle Literatur, die zu ihrer eigenen Stimme kommt, weit weg vom Reportage-Realismus, voller eindrucksvoller Bilder. Das Nachdenken ihrer Ich-Erzählerin und ihr persönlichstes Erleben kombiniert sie in einem mäandernden Bewusstseinsstrom in weit ausschwingenden musikalischen Sätzen. Und die Autorin hieße nicht Gabriele Riedle, wenn die Reisen durch Raum und Zeit nicht auch durch die Zettelkästen der Weltliteratur führten, durchweht vom 'Hegelschen Weltgeist'. Sie nennt ihr Buch 'eine Art Abenteuerroman' und knüpft damit spielerisch an eine Tradition an, die sie jedoch zugleich hinter sich lässt. In In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg. lässt Gabriele Riedle eine Frau sprechen in einem durch und durch männlichen Genre. Das weltumspannende Romanabenteuer ist hochaktuell nicht nur im Blick auf die Mechanismen, die zu den Fälschungen des Spiegel-Reporters Relotius führten, sondern auch angesichts der Verunsicherung des Westens nach dem Rückzug aus Afghanistan, mit dem der Roman endet.
Über Gabriele Riedle
Gabriele Riedle ist 1958 in Stuttgart geboren und lebt in Berlin. Sie veröffentlichte vielfach ausgezeichnete Reportagen von allen Kontinenten, vor allem aus Krisen- und Konfliktgebieten zwischen Afghanistan und Libyen, Darfur und Tschetschenien. 1986 und 2001 war sie unter anderem Kulturredakteurin bei der taz und bei der Woche, 2001 bis 2016 Redakteurin und Reporterin bei GEO. 2017 gewann sie den Bayrischen Fernsehpreis und den Juliane-Barthel-Medienpreis für die Dokumentation Die heimliche Revolution.Frauen in Saudi-Arabien. 2018 war sie Gastprofessorin an der University of Virginia in Charlottesville, USA, und lehrte zur Geschichte der Kriegsberichterstattung. 1998 erschien Fluss, ein Roman, der gemeinsam mit Viktor Jerofejew entstand. Über ihren Roman Versuch über das wüste Leben (2004, AB-Band 238) schrieb Hans Magnus Enzensberger: 'Riedles Prosa ist mit allen Wassern der Reflexion gewaschen und voller übermütiger Kapriolen, ihr Tempo ist furios und ihre Ambition vermessen.' Ihr Roman Überflüssige Menschen (2012, AB-Band 327) machte 'mit rhetorischer Verve und nicht ohne Selbstironie einem westdeutschen Bildungsroman den Prozess' (Der Spiegel).