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Goliarda Sapienza: Tage in Rebibbia. Gefängnistagebuch

Zum Glück ließ sich Goliarda Sapienza nicht davon beirren, dass sie mit ihren literarischen Werken wenig Erfolg hatte. Dabei war die Tochter einer Frauenrechtlerin und eines marxistischen Anwalts, die bereits als junges Mädchen am antifaschistischen Partisanenkampf teilgenommen hatte, keine Unbekannte in der italienischen Kulturszene. Sie hatte an vielen neorealistischen Filmen mitgewirkt und verkehrte in den Kreisen von Pasolini, Visconti, Bertolucci, Moravia, Morante, etc.

Ihr imposanter und irritierender Großroman Die Kunst der Freude fand zu ihren Lebzeiten nicht einmal einen Verlag. Zehn Jahre hatte sie daran gearbeitet und war dabei verarmt. Deshalb stahl sie von einer Bekannten Schmuck, wurde erwischt und zu drei Monaten Haft verurteilt. Die verbüßte sie im römischen Frauenknast La Rebibbia, der Anfang der 1980er Jahre als Vorzeigeprojekt des modernen Strafvollzugs galt. Ihr Gefängnistagebuch ist der Erfahrungsbericht einer unkonventionellen, geistreichen Feministin, eine ebenso humorvolle wie scharfe Gesellschaftsanalyse und eine literarische Perle!

Der erste Eindruck, nachdem die Zellentür hinter Sapienza ins Schloss fällt, ist eine unnatürliche Stille. Sobald sie mit den anderen Gefangenen zusammengeschlossen worden ist, ist allerdings Schluss mit Alleinsein und erst recht mit der Stille. Die Gefängnismauern werfen die vielen Frauenstimmen zurück, in dem viel zu engen Raum schwellen sie zu einer tosenden Kakophonie an und steigern sich regelmäßig zu kollektiver Raserei. Eine Einzelne kann sich da kaum entziehen. Das zeitweilige Verschmelzen zu einer tobenden Masse macht die Gefangenen keineswegs gleich. „Der Klassenunterschied ist hier drin genauso unüberwindlich wie draußen. Das Gefängnis ist bekanntlich das Gespenst oder der Schatten der Gesellschaft, die ihn gebiert.“ Dass Sapienza wie die meisten anderen Gefangenen für ein ganz gewöhnliches Eigentumsdelikt verurteilt worden ist, ändert nichts daran, dass sie eine bürgerliche Linksintellektuelle ist, die bei ihrer Verhaftung eine seidene Hose trug. So wird sie bald von der Knast-Bohème adoptiert. Ihre Nähe zu den politischen Gefangenen zeigt sich mitunter in derselben ironisch distanzierten Haltung, die sie zu sich selbst einnimmt. Egal aus welchem Milieu sie kommen, Sapienza würdigt die einzigartigen Persönlichkeiten ihrer Mitgefangenen staunend, bisweilen spöttisch, dabei immer solidarisch und freundlich, manchmal beinahe zärtlich. Sie erzählt von deren Leidenschaften, Eigenarten und Schicksalen und ist sich stets bewusst, dass jeder Mensch geheimnisvoll bleibt, auch wenn ihm, wie im Knast, kaum noch Privatsphäre zugestanden wird.

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Kategorie: Biographien