Pawel Salzman: Apfelschimmel und andere Erzählungen

Vor drei Jahren erschienen Pawel Salzmans eindrückliche Erinnerungen an die Blockade Leningrads während des deutschen Vernichtungskrieges. Er selbst überlebte dank eines Evakuierungskonvois knapp, wurde als Deutschstämmiger in der Sowjetunion zu Kriegszeiten verfolgt und anschließend als Jude drangsaliert. Für längere Prosawerke blieben da wenig Ressourcen, umso stärker konzentriert sich Salzmans erzählerische Kraft in seinen kurzen Texten. Bei der Friedenauer Presse liegt nun auch eine Auswahl seiner meisterhaften Erzählungen vor, die Übersetzerin Christiane Körner hat ein erhellendes Nachwort dazu verfasst. 

Salzman bewegt sich literarisch in der Tradition russischer Märchen, liebte die deutsche Romantik, auch eine Shakespeare-Anleihe fehlt nicht. Unheimliche Wälder, unergründliche Geistgestalten und magische Gegenstände haben ihren Auftritt. Die Texte funktionieren zeitlos. Aber wer um ihren Entstehungskontext weiß, liest sie unweigerlich auch als Verarbeitung der Grauen des 20. Jahrhunderts, etwa der Kälte und des unaufhörlich nagenden Hungers während der Leningrader Blockade, als eine Million Menschen ihr Leben verloren. Kein Wunder, dass die schimmernden, duftenden Äpfel in der titelgebenden ersten Erzählung die Kinder dazu verleiten, alle Vorsicht über Bord zu werfen. Die Menschenfresser in »Das vierte Häuschen« wiederum lassen zunächst an die böse Hexe im Märchenwald denken, aber: »Menschenfresser« nannte die sowjetische Presse die deutschen Soldaten, und Kannibalismus war im belagerten Leningrad bittere Realität. Auch Salzmans späteres Leben in einem zunehmend totalitären Staat scheint durch. Die ungewöhnlich heiter beginnende Erzählung »Die Galoschen« erinnert bald an Kafkas Prozess, wenn der Protagonist sich unversehens in einem undurchsichtigen bürokratischen Irrsinn wiederfindet. Dass er plötzlich die vorgesehenen Abläufe durchbricht, überrascht ihn selbst am meisten. Doch was zunächst wie eine Rebellion gegen ein totalitäres System wirkt, macht zutiefst schaudern. 

Pawel Salzmans Erzählungen erschüttern, faszinieren, ziehen die Leserin in ihren Bann. Nicht zuletzt »bergen sie«, wie Christiane Körner treffend schreibt, »die Magie poetischer und persönlicher Freiheit«. 

Ebenfalls erhältlich: Pawel Salzman: Erinnerungen an die Blockade. Mai 1941–Februar 1942.


Bibliographie