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Buchtipps

Die Wege in die Freiheit sind besonders weit, wenn man sie überwiegend zu Fuß und ohne legale Papiere bewältigen muss. Das hat Joyce Lussu aber keineswegs abgeschreckt, wie in ihren Erinnerungen an die Resistenza nachzulesen ist, die bereits im Dezember 1945 unter dem Titel Fronti e Frontiere und mehr als 75 Jahre später endlich auch auf Deutsch erschienen sind.

Die EU hat 2018 das Ergebnis einer Befragung von Jüdinnen und Juden über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus veröffentlicht. Für Deutschland fiel es besonders alarmierend aus. In keinem anderen EU-Land gaben mehr Menschen an, antisemitisch belästigt zu werden, und „nirgendwo sonst wurden Juden so oft für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht und angefeindet.“ 44 Prozent der Befragten in Deutschland erwägen auszuwandern. Drei Viertel trauen sich nicht, ihre Religionszugehörigkeit offen zu zeigen. Warum, wird klar, wenn man hört bzw.

„Ach, Sie sind Jude? „Toll! Juden haben einen guten Humor!“ „Das ist ein Klischee.“ „Ich meine es aber als Kompliment!“ „Dann warten Sie doch bitte, bis ich tatsächlich etwas Lustiges gesagt habe.“

In der Leipziger Schrebergartenkolonie „Hoffnung West e. V.“  hat Deborah Jeromin einen Kleingarten gepachtet. Zwischen den Parzellen wachsen Maulbeerhecken, ein Überbleibsel aus dem Nationalsozialismus. „Grabe, wo du stehst“ war das Motto der Geschichtswerkstätten-Bewegung der 1980er Jahre. In diesem Geist hat Jeromin – nein, nicht zum Spaten gegriffen, sondern im Vereinsarchiv einen Aktenordner aus den 1930er Jahren ausgebuddelt, der den Ausgangspunkt ihrer Recherche über den Zusammenhang des sächsischen Feierabendparadieses mit deutschen Kriegsverbrechen auf Kreta bildet.

Im Jahr 1934 erschien allen amtlichen Zensurversuchen zum Trotz in den Niederlanden Anton de Koms Wij Slaven van Suriname als eines der ersten Bücher, das die Geschichte des Kolonialismus seit dem 16. Jahrhundert aus der Perspektive der Ausgebeuteten und ihres Widerstands schreibt. Suriname, erst seit 1975 unabhängig, ist das kleinste Land Südamerikas. Als Exempel des Kolonialismus ist es die sprichwörtliche Nussschale, deren groteske Formen unter dem scharfen Blick de Koms sichtbar werden.   

Es beginnt mit einem ganz gewöhnlichen Femizid. Eine Frau beendet eine Affäre, der Mann erwürgt sie im Affekt, kotzt und fühlt sich kühn und entwendet ihr Notizbuch. Was er nicht ahnt: Die Frau arbeitete als Spionin für eine hochgeheime Internationale Organisation umstürzlerischer Kräfte, die ihre Leute auch in den offiziellen Sicherheitsapparaten hat, und das Notizbuch enthält äußerst sensible chiffrierte Informationen. Das reicht, um eine Verfolgungsjagd ins Rollen zu bringen, in der sich der Mörder, der nicht weiß wie ihm geschieht, kaum auf den Beinen halten kann. 

Anne Boyer hat aus ihrer Brustkrebserkrankung ein Buch gemacht, das eine Streitaxt ist. Sie reißt dem Brustkrebs die rosa Schleifchen ab, kritisiert die politische Onkologie und besteht darauf, dass, so persönlich und existentiell der Krebs ist, „über den Tode nachzudenken, heißt, über alle nachzudenken“. All die Überlebendengeschichten, die Trostliteratur und Ratgeber dröhnen über wesentliche Erfahrungen hinweg.

Schauplatz dieses atmosphärischen und spannenden Romans ist ein großes, altes Haus an der schottischen Küste. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zieht Ruth mit ihrem Mann und dessen beiden Söhnen aus erster Ehe ein. Für die Londonerin ist es ungewohnt, dass genau beobachtet wird, wie oft sie das Café und wie selten sie die Messe besucht. Auch die lokalen Bräuche findet sie verstörend. Die Stiefsöhne gehen ins Internat, der Mann zu einer anderen. Ruth sucht Zuflucht beim Whisky und findet die Freundschaft der Haushälterin Betty.

Der Verbrecher Verlag hat unter dem Titel kurze form eine neue Reihe gestartet. Als zweiter Band sind nun Erzählungen von einer jungen Zagreber Autorin erschienen. Ein begeisterter Rezensent erkennt in Bakić schon die Nachfolgerin von Edgar Allan Poe und den Brüdern Strugatzki. 

Nach Adorno kann man auch mit den Ohren denken. In ihrem biografischen Essay betrachtet ihn Iris Dankemeyer also von der Seite mit Blick auf das Ohr „als Organ einer dialektisch vermittelten Erkenntnis, die unleiblichen Geist und leibhafte Sinnlichkeit nicht als getrennt voneinander denkt, sondern sie im Bewusstsein von Freiheit und Notwendigkeit vereint“. Die „Erotik des Ohrs“, so Dankemeyer weiter, „ist weder eine kontemplative Haltung noch eine direkte Aktion, sondern deren Vermischung: ein Verhalten“.